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Institut für Regionalentwicklung - News & Events - Internationaler Workshop: Literatur & Wissen(schaft)

26-27.10.2023

Internationaler Workshop: Literatur & Wissen(schaft)

Land, Berge, Alpen und ihre Transformation - Was erzählt die Literatur!?

  • Deutsch
©Basil Huwyler

Ein interdisziplinärer Workshop zur Erforschung der Beziehung zwischen literarischen Texten und wissenschaftlichen Erkenntnissen

Organisiert vom Institut für Regionalentwicklung und dem Center for Autonomy Experience von Eurac Research und veranstaltet in Zusammenarbeit mit Literatur Lana, Südtiroler Autorinnen- und Autorenvereinigung/SAAV, Romanisches Seminar Universität Zürich, Freie Universität Bozen und dem Naturmuseum Südtirol.

Literarische Texte ergänzen, erweitern, vermitteln, illustrieren, popularisieren und problematisieren Wissen. Science-Fiction nimmt in Utopien und Dystopien mögliche Entwicklungen vorweg und kritisiert aktuelle Missstände. Literatur kann uns aufrütteln, unsere Wahrnehmung schärfen und so zu einem besseren Verständnis unserer Lebenswelt beitragen. Und: Sie erreicht ein breites Publikum.

Konsens ist, dass Literatur durch ihre sprachlichen Möglichkeiten das "Ungesagte" eines Wissensbestandes oder das "Unbewusste" wissenschaftlicher Erkenntnisse erzählen kann. Dies gilt insbesondere für zwischenmenschliche Beziehungen, soziale Situationen, psychologische und mentale Zustände. Dass fiktionale literarische Texte unbeachtete, verborgene und neue Möglichkeiten der Wirklichkeit ans Licht bringen und damit spezifisches Wissen vermitteln, ist ihre große erzählerische Stärke. Das unterscheidet sie von anderen Medien wie Sachbüchern, Fachartikeln, Essays usw. Viele Autoren und Autorinnen stellen wissenschaftliche Themen oder Wissenschaftler/Wissenschaftlerinnen in den Mittelpunkt ihrer Werke.

Im Zeitalter des Anthropozäns erscheint dies angesichts der Erzählkraft der Literatur und der drängenden gesellschaftlichen Herausforderungen angemessen. Hintergrund und Motivation für den Workshop sind die starken räumlichen und sozioökonomischen Veränderungen auf dem Land, im Berggebiet und im Alpenraum. Zahlen und Fakten allein erfassen die drastischen demografischen und ökologischen (Klimawandel) Veränderungen in diesen Räumen nicht. Belletristische Werke können packende Geschichten über Welten im Wandel liefern. Literatur kann detaillierte Einblicke gewähren, um ein besseres Verständnis dessen zu ermöglichen, was in diesen viel zu oft marginalisierten Gebieten vor sich geht (Rural Criticism).

Die 3 zentralen Themenblöcke

1. Südtiroler Geschichtsroman

Wenn sich Literatur um die Darstellung von Vergangenheit bemüht, steht sie zunächst vor der Frage nach der Allianz von Überlieferung, Wissen und Gedächtnis. Wie an diesem großen Kulturgut zweifeln und wie daraus schöpfen? Wie mit den Quellen umgehen, mit deren mitvermittelten Gefühlen und Effekten, mit deren ideologischen Inhalten und deren Sprache? Wie mit der eigenen Ordnung und Organisation von Erinnerung? Wie mit den Funktionen, den Medien und dem Speicher von Gedächtnis? All das ist ja Teil der Geschichte. Soweit unterscheidet sich die Schriftstellerin nicht von der Wissenschaftlerin. Dann aber beginnt die genuin literarische Aufgabe der Narration, die künstlerischen Strategien und einer Fiktionalisierung folgt, der Kraft der Imagination, Projektion und Einfühlung. Was aus den literarischen Werken an historischem Fundus zu entschlüsseln ist und ob Literatur in ihrer ästhetischen Form auch Geschichtsschreibung sein kann, ist die Frage, die sich die Wissenschaft stellt. Wie werden dabei auch durchaus faktuale Aussagen über unsere Wirklichkeit getroffen? Oder greift nicht ohnehin selbst ein faktuales Erzählen auf Fiktionalität zurück, wie es das prominente Beispiel von Hayden Whites „Auch Klio dichtet“ provokant formuliert. Solche Fragen stehen dem Themenblock „Geschichte und Literatur“ mit Blick auf den Südtiroler Geschichtsroman wirft voran.

2. Alpen und Dolomiten als narrative Landschaftsräume

Als Landschaft der dritten Dimension ist das Gebirge schon lange ein Raum intensiver Literari-sierung: Ob Olymp, Alpen, Anden, Himalaya, Kilimandscharo oder Fuji – von mündlicher Traditi-on bis zu Reiseliteratur, von Fantasy bis zum historischen und zeitgenössischen Roman sind sie seit Jahrtausenden mit Geschichten besetzt. Die Wahrnehmung und Darstellung von Gebirgs-landschaften ist dabei äusserst ambivalent, zwischen erhaben und wüst, zwischen schrecklich und idyllisch, zwischen bedrohend und bedroht. Den einen ist das Gebirge Raum für Abenteuer und Erholung, den anderen eine harte Lebenswelt, die durch wirtschaftliche Nutzung und geo-logische Abnutzung einem steten Wandel unterworfen ist und deshalb nur dank gesellschaftli-chem Erfahrungswissen bewohn- und bebaubar bleibt. Seit Jahrhunderten ist das Gebirge auch Gegenstand intensiver natur- und kulturwissenschaftlicher Erforschung. Im Rahmen dieses Themenblocks wollen wir insbesondere die Alpen und ganz spezifisch die Dolomiten in den Fo-kus rücken und uns fragen, wie sie sich als literarische Gebirgslandschaft manifestieren, durch welche literarischen Verfahren sie narrativ dargestellt und erkundet werden. Ausgehend vom thematischen Rahmen der Tagung stellt sich auch die Frage, inwiefern wissenschaftliche Er-kenntnisse sowie gesellschaftliches Erfahrungswissen in die literarischen Darstellungen der Dolomiten einfließen.

3. Im Dorf und auf dem Land – Transformation der ländlichen Lebensräume und der Landwirtschaft

Seit Jahrzehnten verschwinden traditionelle Kulturlandschaften zugunsten agroindustrieller Monokulturen, Energielandschaften und Massentierhaltungen. Auch das Dorfleben hat sich vielerorts gewandelt: Dorfkneipen und Landgasthöfe sind verschwunden und Städter suchen das Glück auf dem Land. Und schließlich wird der Klimawandel seine tiefen Spuren hinterlassen. Andererseits: Bioregionen entfalten sich oder Gemeinden wollen pestizidfrei werden; in innovativen Nischen entstehen alternative Wirtschafts- und Lebensweisen. Was machen diese Entwicklungen mit den Menschen? Wer kann von diesen Prozessen kenntnisreich erzählen und neue facettenreiche, aber auch adäquate Bilder dieser ländlich-dörflichen Welt im Umbruch zeichnen?

Die Seminare

1. Science out of Dominance - “Naturkultur”: Konzepte und einflussreiche Theoretikerinnen/Theoretiker (kuratiert von Johanna Platzgummer: Naturmuseum Südtirol, Elisabeth Tauber: Freie Universität Bozen, Fakultät für Bildungswissenschaften, Soziokulturelle Anthropologie)

Eingeführt wird in die Diskussion der letzten 20 Jahre zur ‚Naturkultur‘ (Donna Haraway), die zu einem Paradigmenwechsel in den Sozial- und Geisteswissenschaften geführt hat. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Bereichen Wissenschaftsforschung, feministische Theorie, Anthropologie und Umwelt-Humanwissenschaften haben die ontologische Trennung zwischen Natur und Kultur, Mensch und Nicht-Mensch in Frage gestellt. Diese Kluft, so argumentieren sie, begründet einen gefährlichen Glauben an den menschlichen Exzeptionalismus, der die Wurzel sowohl des Fortschritts (für einige wenige) als auch der Katastrophe (für den Rest) ist. ‚Naturkultur‘ tritt als konzeptionelle Neuerung an die Stelle des Menschen. Der Begriff wurde von der feministischen Wissenschaftstheoretikerin Donna Haraway eingeführt, um die verflochtene Geschichte zwischen verschiedenen Spezies zu beschreiben. Für den Begriff gibt es keine einheitliche Definition. Vielmehr steht er für ein lebendiges und widerspenstiges Spektrum von transdisziplinären Ansätzen, die durch ein gemeinsames und täuschend einfaches Argument vereint werden: Die Beschäftigung mit Welten, die mehr als nur menschlich sind, erfordert eine Veränderung der Methoden und Konzepte der Untersuchung. Mit anderen Worten: Die Aufhebung der Grenze zwischen Natur und Kultur bedeutet eine radikale Vermischung von Kunst, Geistes-, Sozial- und Naturwissenschaften.

2. Südtiroler Literaturen in der Nachkriegszeit (kuratiert von Rico Valär, Professor für rätoromanische Literatur und Kultur an der Universität Zürich)

Im Rahmen eines Forschungsprojekts des Schweizerischen Nationalfonds beschäftigen sich der Rätoromanisch-Lehrstuhl der Universität Zürich und das Institut für Kulturforschung Graubünden mit den Bündner Literaturen in der Nachkriegszeit. «Ein Erfahrungsraum – drei Literaturen. Lektüren des Umbruchs in Graubünden nach 1945» untersucht, wie der enorme kulturelle Wandel der Nachkriegszeit im mehrsprachigen alpinen Raum Graubündens in und mit den deutschen, italienischen und rätoromanischen Literaturen versprachlicht, diskutiert und verarbeitet wurde. Zentrale Fragestellungen betreffen: 1. Bedingungen und Gegebenheiten des Bündner Literaturbetriebs nach 1945. 2. Umgang mit Mehrsprachigkeitserfahrungen, sprachlicher Zugehörigkeit und Identitätsfragen im (auto)biografischen Erzählen. 3. Konsequenzen des gesellschaftlichen Wandels für die Konzeption von Geschlecht, Familie und Generation im ländlichen Raum. 4. Erfahrungen der Zugehörigkeit und des Fremdseins in der alpinen Landschaft und Gesellschaft.

Am Rande dieser Tagung wird sich die Projektgruppe im kleineren Rahmen mit Expertinnen und Experten der Südtiroler Literaturen über die Situation, das Zusammenleben und die Literarisierung des Wandels in den ladinischen, deutschen und italienischen Literaturen dieser Region während der Nachkriegszeit austauschen. Das Ziel ist, im Vergleich mit benachbarten alpinen und mehrsprachigen Literaturrealitäten, aussagekräftige Parallelen, Kontraste sowie Themenbezüge herauszuarbeiten, die das Forschungsprojekt alimentieren und komplettieren können.

Das Programm im Detail

Der Workshop bietet ein vielfältiges Programm, das sich über 2 Tage erstreckt. Am ersten Tag werden sich die Referent:innen auf die drei zentralen Themen konzentrieren. Zum Abschluss des Tages wird dann ein Aperitif mit anschließender Performance von Robert Prosser und Lan Sticker stattfinden.

Der zweite Tag hingegen steht ganz im Zeichen der Seminare.

Alle Details finden Sie im folgenden Programm.

Die Leitthemen und -fragen

**Autor:innen: Verarbeitung und Transformation von Wissen(schaftlichen Erkenntnissen) in der Literatur

Das in den Wissenschaften generierte Wissen wird von der Literatur importiert/genutzt. Damit stellt sich die Frage der Übertragungen, des Transfers, Aufnahme und Transformation/Verwandlung von Wissenschaft in Literatur bzw. als Material für fiktionales Schreiben. Außerdem stellt sich die Frage des Einflusses bzw. die Rolle und Relevanz der Wissenschaft als Inspirations- und Referenzquelle für fiktionale Texte (Befruchtung/Austauschprozesse).

  1. Auf welche natur-, kultur-, sozialwissenschaftliche etc. Wissensbestände greift der/die Autor:in zurück und warum? (Selektion von / Inspiration bzw. Beförderung durch Wissensbestände/n)
  2. Auf welche Weise erfolgt das bzw. wie werden sie eingesetzt? (Darstellung, Verwandlung von Wissen)
  3. Positioniert sich der Autor/die Autorin zu diesem Wissen, z.B. affirmativ oder kritisch? Oder welches Wissen will der/die Autor:in mit dem Text vermitteln, der sich an einen bestimmten Lesertyp richtet (›empirischen Leser‹, ›Idealleser‹ oder ›intendierten Leser‹)?
  4. Wurden wissenschaftliche Konzepte, Verfahren, Textsorten verwendet?
  5. Warum wurde dieses Thema gewählt? (Frage nach dem sozialen und geografischen Erfahrungsgrund / Erfahrungswissen für fiktionales Schreiben; u.U.: Schriftsteller:in mit fachlichen Hintergrund, selbst Wissenschaftler, Bauernschriftsteller, potenzielle Vermittler beider Kulturen?).
  6. Wie hat der/die Autor:in sich das Wissen angeeignet (empirisches/Erfahrungswissen, disziplinäres Expertenwissen…)? / Auf welchen Wegen findet Wissen im Rahmen des Produktionsprozesses in Literatur Eingang?

**Wissenschaftler:innen: Funktion und Relevanz literarischen Wissens

Relevant ist hier die Funktion der Literatur für die Wissenschaft, da fiktionale literarische Werke ein spezifisches Wissen vermitteln oder auf (transformierte) wissenschaftliche Ergebnisse zurückgreifen. Beides kann wiederum neue wissenschaftliche Forschungsfragen aufwerfen. Interessant erscheint die komplementäre, alternative, eigenständige/für sich selbst stehende oder emergente Form literarischen Wissens und ihr Verhältnis zum wissenschaftlichen Wissen.

  1. Welches (Fach)Wissen erwirbt der Leser bzw. warum eignet sich der Text zur Wissensvermittlung/-erwerbung (Poetologie des Wissens, Literatur als Medium, Sinnesorgan des Wissens)?
  2. In welchem Verhältnis stehen die fiktionalen Ereignisse und Begebenheiten und der jeweilige disziplinäre Wissensstand?
  3. Gibt es unterschiedliche Positionen und Poetologien dieser Verwandlung?
  4. Welche neue Sehpunkte werden geschaffen, die für die Wissenschaft erkenntnisleitend sein können? Wird dieses Wissen belletristisch in einer Weise reflektiert, modifiziert und konzipiert, dass es neue Perspektiven schafft und selbst wissenschaftliche Relevanz gewinn? (belletristischer Wissensanspruch). Wird also ein spezifisches/spezielles/neues/ergänzendes/komplementäres/alternatives Wissen geschaffen?
  5. Profitieren bzw. nutzen Wissenschaftlern*innen vom Werk? Wenn ja, warum, in welcher Weise? (Stabilisierung oder Destabilisierung der ›Wissensordnung‹ eines bestimmten Diskurses, das fiktionale Schreiben als Material für Wissen und Wissenschaft)

Das Ziel

Der Workshop diskutiert das komplexe Verhältnis zwischen fiktionalen Texten wie Romanen, Kurzgeschichten und wissenschaftlichen Erkenntnissen (#168: Wissen(schaft) & Literatur – Kulturelemente). Erörtert wird die Frage, welche Wechselwirkungen zwischen Literatur und Wissenschaft existieren, inwieweit zeitgenössische literarische Texte eine Quelle des Wissens sein können und welche Rolle wissenschaftliche Erkenntnisse in belletristischen Werken spielen. Räumlich liegt der Schwerpunkt auf dem ländlichen Raum, Berggebieten und den Alpen. Die Veranstaltung ist ein Treffpunkt für Geistes- und Naturwissenschaftler aus verschiedenen Disziplinen und der Literatur- und Kulturwissenschaften sowie Akteuren und Akteurinnen, Experten und Expertinnen aus dem regionalen und internationalen Kultur- und Literaturleben, den Bereichen Kunst und Verlagsleben.

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